Mitten im Geschehen – Tag 63 der Corona Krise

Geschehen ist geschehen! Blöd gelaufen. Nein, blöd geradelt. Ja, ich bin blöd geradelt in der Nacht von Freitag auf Samstag die paar Kilometer von Korneuburg heim nach Langenzersdorf unterm kühlen, sternenklaren Himmel – bestens gelaunt nach einem sehr netten, launigen Nachmittag und Abend bei Freunden. Kurz vorm Ziel hat mir eine der mit großen Katzenkopfpflastersteinen angelegten Verzögerungsschwellen in unserer idyllischen Hohlfeldergasse auf gut Deutsch ein Haxl g‘stellt. Die Fahrradkette ist – offensichtlich vor lauter Freude über das Hindernis – rausgesprungen und ich landete am Asphalt. Ich erspare Ihnen die Details meines nächtlichen Aussehens, mir hat der Blick in den Badezimmerspiegel um halb 3 in der Früh gereicht. Das Gesicht, die Schulterpartie gehören mir? Blut abwaschen, geht das? Welche Extremitäten bleiben zum Zähne putzen, oder soll ich drauf pfeifen? Bringt mich das rechte Knie noch bis ins Bett? Weil das doppelt so dicke Linke wird es nicht mehr schaffen.

A Brezn reißn in Corona-Zeiten ist schon ein besonderes Ereignis, ein außergewöhnliches Geschehen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, nicht dass ich stolz drauf wäre, auf meine Stauchungs-, Schwellungs-, Prellungs- und Schürfungszustände meines Körpers, aber sie haben mir im Endeffekt höchst interessante Einblicke ermöglicht. Ich weiß jetzt, wie es corona-bedingt im Radiologie-Institut und der unfallchirurgischen Notfallambulanz in Korneuburg sowie im Diagnostikzentrum der Privatklinik Döbling zugeht.

Im Korneuburger Radiologie-Institut kommen Sie eigenverantwortlich maskiert mit terminlicher Voranmeldung, dafür ohne Desinfektionsmittel, bis zum Empfangsschalter, den immer schon eine Plexiglasscheibe geziert hat. Die Durchreiche ist jetzt halt zusätzlich mit einer Plastikfolie für Lebensmittel verkleinert worden. Dahinter die nichtmaskierte Empfangschefin, die ruhig wie noch nie, obwohl als Hantige bekannt, dafür sorgt, dass genügend Sesseln zwischen den sitzenden Wartenden frei bleiben, oder Eintretenden höflich zuruft: „Bitte bleiben’S draußen, jetzt sind mir schon zu viel Leut‘ herinnen!“ Die Schwester zeigt dem Herrn Doktor, den ich im Nebenraum scherzen und lachen höre, die geschossenen Röntgenbilder meiner linken kessen Schulter- und Schlüsselbeinpartie überraschenderweise sofort. Ein paar Minuten später habe ich den geschriebenen Befund in der Hand, der in diesem Institut normalerweise frühestens am nächsten Tag abzuholen ist. Nicht schlecht. Sicherheit, Vorsicht, aber keine Spur von Hysterie. Am Abend in der ZIB1 heißt eine Schlagzeile „Gastwirte stehen vor Öffnung!“. Ich sehe einen fleißigen Wirt, der in seinem Schanigarten herumwieselt und akribisch Sessellehnen und Sitzflächen abwischt. Ja, ein Detail dieser tausendsten Corona-Verordnung schreibt strikt für die Gastronomie vor: nach jedem Gast muss Sessel und Tisch desinfiziert werden. Hmm? Ist ein Gast im Wirtshaus ansteckender, infektiöser oder „gefährlicher“ als ein Patient in einem Radiologie-Institut? Dort wechselten nämlich die Sessel un-desinfiziert ihre Sitzer, zumindest solange ich dort war.

Nachdem mein Röntgenbild einen Verdacht aufweist, besuche ich noch die unfallchirurgische Notfallambulanz des Landesklinikums Korneuburg. Normalerweise geht es dort zu wie in einem Hornissennest. Hektisch, Patient wie Personal, jederzeit zum Stechen bereit!

Beim Eintritt in die Corona-Schleuse empfängt mich ein lustiges grünes Marsmännchen. Hände desinfizieren, die mit einer Zange überreichte Maske aufsetzen, eigene einstecken, Fieber messen, ein paar Fragen zu COVID-19 beantworten und weiter geht´s. Irgendwas ist anders. Kein Stress, keine ungute Stimmung liegen in der Luft, sondern eine auffallend freundliche Ausstrahlung von offensichtlich gechilltem  Spitalspersonal ist spürbar. Ja, auf die Diensthabenden in der Erstaufnahme kommen gerade einmal eine ältere Dame, eine junge Mutter mit zwei Kindern und ich.

Hinter der Türe Nummer 8 wartet auf mich binnen kürzester Zeit „Prince Charming“. Lässige Ellbogenbegrüßung: „Grüß Gott Frau Doktor, wie geht es Ihnen?“ Ich habe das Gefühl, er nimmt sich alle Zeit der Welt für mich. Ich hab’s 2017 schon anders dort erlebt. Ohne Begrüßung und in einer oberflächlichen Massenabfertigungsmanier, sodass ich Mühe hatte, dem jungen Herrn Doktor klar zu machen, dass mein Geburtsdatum 27.02.1963 nicht das Skiunfalldatum ist. Jetzt wird plötzlich miteinander ausführlich geredet. Braungebrannt, blauäugig, mit schwarzem pomadisierten Haar und strahlenden weißen, unverhüllten Zähnen, macht „Prince Charming“  zwar aus dem Verdacht in meinem Röntgenbericht, ohne weitere CT-Untersuchung dafür mit zwei ausführlichen Kuli-Zeichnungen, eine Tatsache, aber das ist eine andere Geschichte … Dass ich für 38,90 EUR Selbstbehalt einen innovativen orthopädischen Rucksackverband in geilem Blau für 3 Wochen verpasst bekomme, der sich bereits nach einem halben Tag als untragbar herausstellt, ist wieder eine andere Geschichte.

Um dem Verdacht in meinem Schultergelenk doch noch medizinisch fundiert auf den Grund zu gehen, schickt mich meine Hausärztin am nächsten Tag in die Privatklinik Döbling zur CT. Ein Einbahnsystem führt bei einem Nebeneingang ins Innere der noblen Klinik. Meine Maske darf ich aufbehalten. Das Desinfektionsmittel steht zur freien und freiwilligen Verfügung auf einem Stehtischerl. Dort liegt auch schon mein „grüner“ Fragebogen, den ich ausfüllen muss. Übrigens, mit einem Kuli, den alle angreifen. Und es sind nicht wenige, die hinter mir hereinströmen. Während ich schreibe, wird mir Fieber gemessen, 36,8° muss ich selbst auf das „grüne“ Papier schreiben, das ich jederzeit herzeigen können muss. Sozusagen mein  Passierschein. Die CT erfolgt flott, freundlich, lachend, ich bin sogar vor meinem offiziellen Termin bereits wieder fertig. Spitalspersonal schlendert vorbei, mal mit Maske, mal die Maske auf der Stirne, mal ohne Maske, nette Worte auf den Lippen zu Kollegen oder Patienten, weit und breit keine Putz- und Desinfektionstrupps rund um die vielen Sitzoasen oder entlang der Handläufe. Es herrscht auffällige Ruhe und Gelassenheit.

Nun zurück zum aktuellen Geschehen, zum Geschehenen. In Spitalseinrichtungen, die nun wochenlang Sicherheitshochburgen waren und ein Zutritt so gut wie unmöglich war, werden weder Sesseln, Tische in den Wartezonen noch Handläufe in den Gängen nach Berührungen  desinfiziert, während der Wirt jedem Gast hinterher wischen muss und die Frau Schuldirektor ab Montag nach jeder Pause für die Desinfektion aller Stiegengeländer im Schulhaus Sorge zu tragen hat … Was geschieht da gerade?