Prognosen – Tag 91 der Corona Krise

Im Zusammenhang mit Arbeit gab es schon immer eine Fülle an Fragen. Sind lineare Organisationsstrukturen oder Matrixorganisationen besser? Welche Werte schaffen Zusammenhalt und Übereinstimmung mit den Zielen? Wie binde ich Menschen ans Unternehmen? Welche Kompetenzen brauchen Menschen jetzt und zukünftig? Dank Covid-19 sind neue, zusätzliche Fragen aufgetaucht, obwohl die Alten vielerorts noch nicht gelöst sind. Wie frei und flexibel kann Arbeit zukünftig sein? Und wer macht die neuen Regeln? Werden die Gewerkschaften dabei eine Rolle spielen?

Blicken wir für einen kurzen Moment zurück, sehen wir sehr schön, dass Arbeit, die nicht bewertet werden kann, in unserer österreichischen Leistungsgesellschaft einfach nichts Wert ist. Beispiele dazu gibt es viele, wie die ehrenamtliche Arbeit oder die Betreuung der Alten durch Familienangehörige. Um nur einige wenige zu nennen.

Von Arbeit sprechen wir, wenn jemand eine feste Anstellung, sprich Arbeit in einem Unternehmen hat. Also eine Art Tauschgeschäft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer existiert. Vereinfacht gesagt hilft der Arbeitnehmer die täglichen Aufgaben in einem Unternehmen zu erledigen. Die dabei erbrachte Leistung wird als Quotient aus Arbeit und Zeit berechnet.

Zeit ist messbar und Arbeitszeitverlängerungen erlauben den gewünschten Spielraum für mehr Flexibilität.

Was aber wenn die Definition von Arbeit nicht mehr zeitgerecht ist? Wenn Firmenchefs sich nicht mehr vorstellen können 100erte Menschen in ein Gebäude zu stecken. Wenn während Covid-19 klar geworden ist, dass Anwesenheit Produktivität nicht garantiert? Wenn es eine neue Mischform zwischen Büro und Home Office braucht. Wenn es einen neuen Konsens zwischen Selbstbestimmung und Flexibilität geben muss.

Während Covid-19 war wohl die größte Herausforderung das Wie der Zusammenarbeit und das Wie des Zusammenspiels zwischen Mensch und Technik. Befreundete Führungskräfte berichteten mir, dass sie sich in den letzten Wochen des Öfteren wie Seelsorger fühlten. Fast täglich gab es die eine oder den einen im Team der sich nicht gut aufgehoben fühlte und darüber sprechen musste. Der soziale Austausch, die gegenseitige Bestätigung und Wertschätzung oder das Zwischen den Zeilen lesen aufgrund von Mimik und Gestik war kurzfristig verloren gegangen. Die Corona Ausnahmesituation führte bei Vielen zu Unsicherheit. Zur Angst vor einem möglichen Jobverlust oder vor der Zukunft im Generellen. Das Gefühl nicht ausreichend wahrgenommen zu werden und weniger Vorgaben für Arbeitszeit und Arbeitsort zu erhalten, beförderte einer paradoxe Situation: Mitarbeiter setzten sich selbst unter Druck. Das ging sogar so weit, dass einige mehr schufteten, da sie plötzlich am Ergebnis und nicht an der Präsenzzeit gemessen wurden.

Wieder einmal beklagten Führungskräfte mangelnde Strategien zur Stärkung des Zugehörigkeitsgefühls. Einmal mehr wurde der Ruf nach Maßnahmen und Kompetenzen, neuen Kompetenzen laut.

Wenn wir uns darauf einigen können, dass das Wie der Zusammenarbeit und das Wie des Zusammenspiels zwischen Mensch und Technik wichtig sind, dann sollten wir die Menschen einbinden und ihre Anliegen Ernst nehmen. Und zwar noch vor dem Anschaffen einer neuen Technik.

Wie wir dem Stress für Mitarbeiter die Kraft nehmen könnten und das Zugehörigkeitsgefühl gestärkt werden kann, präsentierten Gesundheitsforscher der Universität Coburg bei gestressten Call Center Mitarbeitern. Sie zeigten z.B., dass sich mit sehr wenig Zeiteinsatz „im Kopf“ etwas verändern lässt. Das der Stress gesenkt werden konnte und die Freude erhöht wurde. Über sieben Wochen lang beschäftigte sich eine Testgruppe, nach dem Ausrollen eines Trainings, mit folgenden Themenstellungen: Tagebuch über positive Momente führen, Humordatenbank anschaffen, sich um Freunde kümmern, jemandem Dankbarkeit ausdrücken, sich einen lustigen Film ansehen….Das Ergebnis: Obwohl diese Testpersonen nur 15 Minuten pro Woche investierten, fühlten sich die Mitarbeiter weniger gestresst. Sie berichteten davon sich gut aufgehoben zu fühlen, respektiert zu werden und zwar so wie man ist.

Ob diese positiven Veränderungen nun durch das „Lachen“, oder durch die Veränderung der Stimmung bzw. einer besseren sozialen Unterstützung zu erklären sind, ist zum augenblicklichen Zeitpunkt noch nicht abschließend geklärt. Nur so viel bei lachenden Menschen steigen die Blutwerte von Gamma-Interferon, anders ausgedrückt sogenannte „Freudehormone“ fressen „Kampfhormone“ und stimulieren das Immunsystem.

Für uns ein Grund sich über Humor und Improvisationsgeist Resilienz anzueignen, sprich die Fähigkeit in wechselnden und sich ändernden Situationen flexibel und robust reagieren zu können.

Den Wandel in der Arbeitswelt hätte es übrigens auch ohne Corona gegeben, nur vielleicht nicht so schnell.